Die Jobcenter sanktionieren bei Hartz-IV-Beziehenden so oft wie nie zuvor: Erstmals sollen binnen zwölf Monaten von August 2011 bis Juli 2012 mehr als eine Million Sanktionen erlassen worden sein, wie die „Süddeutsche Zeitung“ heute berichtete. Danach ist die Zahl der Strafen verglichen mit 2009 um 38 Prozent auf 1,017 Millionen gestiegen. Im Schnitt wurden die staatlichen Leistungen um 106 Euro gekürzt. Das Erwerbslosen Forum Deutschland wirft den Jobcentern blinde Sanktionswut vor und findet es ungeheuerlich, wenn eine Sprecherin der BA die Zunahme der Sanktionen auf die „konsequentere und professionellere Arbeit“ der Behörde zurückführt. Von Bündnis90/Grüne fordert die Initiative, den Beschluss vom Bundesparteitag vom Wochenende – Aussetzung der Sanktionen bei Hartz IV – umgehend als Antrag im Bundestag umzusetzen.
Dazu Martin Behrsing, Sprecher des Erwerbslosen Forum Deutschland:
„Die hohe Anzahl der Sanktionen sollten der Bundesregierung und der Bundesagentur für Arbeit Schamesröte ins Gesicht treiben lassen. Ich bezeichne so etwas als blinde Sanktionswut, die aufgrund der unwürdigen Gesetzeslage fast schon automatisch verhängt wird und auf individuelle Umstände keine Rücksicht nimmt. Wir wissen aus unserer eigenen Erfahrung, dass kaum eine Sanktion Bestand hat, wenn wir uns damit rechtlich auseinandersetzen. Die Sanktionswut geht sogar soweit, dass beispielsweise Schwangere im siebten Monat noch einen Ein-Euro-Job anfangen sollen, weil den Jobcentern nichts Sinnvolleres einfällt. Und so ist es auch bei den Stellenangeboten. Viele Menschen werden mit Stellenangeboten von Zeitarbeitsfirmen überhäuft, die dann entweder doch nicht vorhanden sind oder die Menschen allenfalls in prekäre Beschäftigungen bringen. Oftmals werden in den Eingliederungsvereinbarungen auch völlig sinnlose Dinge vereinbart, die kaum zu erfüllen sind oder die Grenzen der Zumutbarkeit überschreiten.
Mit der Forderung nach Aussetzung der Sanktionen haben die Grünen am Wochenende einen richtigen Beschluss gefasst. Wir fordern die Partei auf, umgehend einen entsprechenden Antrag in den Bundestag einzubringen. Die Linkspartei wird einem solchen Antrag sicher zustimmen. Die SPD müsste dann zeigen, wie ernsthaft ihr ein zukünftiges Regierungsbündnis zusammen mit den Grünen ist.“
Leserbrief zu
„Hartz IV und die Solidarität – Julia Klöckner spricht über christliche Werte“
GA vom 12.04.13 – Seite 5 – Landespolitik
Ihr Bericht über die Aussagen von Julia Klöckner zu Hartz-IV und die Solidarität im
Zusammenhang mit christlichen Werten nehme ich zum Anlass, kontraproduktive
Praktiken eines Jobcenters darzustellen. Initiativen in eine Selbständigkeit sind
anscheinend nicht erwünscht.
Ich, eine Kundin des Jobcenter Meckenheim, Alter über 55 Jahre, Akademikerin, bin
nach 20 Jahren Ehe, Familie und Scheidung Hartz IV-Empfängerin. Das Ziel, wieder
in der Berufswelt Fuß zu fassen und finanziell unabhängig zu werden, ist in der
Realität aussichtslos. Meine Alternative ist anscheinend, lebenslang auf Hartz
IV/Grundsicherung und damit auf Steuergelder angewiesen zu sein.
Um diesem Schicksal zu entgehen habe ich mich im Bereich der
Ernährungsberatung selbständig zu machen. Im Jobcenter wird mein Ziel nicht ernst
genommen. Es wird systematisch dagegen gearbeitet. Aussagen, wie:
„Warum selbständig? Sie sind selbst schuld, wenn Sie sich selbständig machen! Sie
werden sowieso nicht Fuß fassen. Suchen Sie sich einen sozialversicherungspflichtigen
Job.“
Die Tätigkeit wird als Liebhaberei abgestempelt. Private Darlehen und berufliche
Ausgaben werden nicht anerkannt, die Einnahmen jedoch mit Hartz IV verrechnet.
Mein Einspruch wird abgelehnt. Es bleibt daher nur die Klage vor dem Sozialgericht.
Es werden mir immer wieder neue spitzfindige Begründungen für meine Tätigkeit
abverlangt, die mich wochenlang beschäftigen und meine begonnene
Beratungstätigkeit beeinträchtigen. Der Markt für Ernährungsberatung wächst
nachweisbar ständig und hat Entwicklungspotential. Da meine Begründungen nicht
ernst genommen werden, hole ich mir teure Unterstützung bei Fachverbänden, die
ich mit geliehenem Geld bezahle
.
Julia Klöckner fordert zu recht Eigeninitiative und das Bestreben aus Hartz IV heraus
zu kommen – die Realität sieht anders aus. Sie wird durch ein rigides Verwaltungshandeln
des Jobcenters dominiert und „würgt“ Eigeninitiative ab