Armut und steigende Energiepreise

Dienstag, 1. November 2011, 16:37

Bild: birgitH / pixelio.de

Bild: birgitH / pixelio.de

von Dieter Carstensen
Der Skandal um die steigenden Energiepreise schreit mittlerweile gen Himmel. Wie bekannt, betreue ich, als gelernter Sozialarbeiter ehrenamtlich in meiner Freizeit sozial Schwächere und Menschen in Notlagen. Von daher weiß ich aus vielen Gesprächen, dass es mittlerweile wieder Menschen in diesem Staate Absurdistan gibt, die tatsächlich im Winter frieren müssen, weil sie die Heizkosten nicht mehr aufbringen können. Meiner Meinung nach gehört alles, was die Grundversorgung der Menschen sichert, nicht in private Hände, sondern in staatliche, gemeinwirtschaftlich geführte Betriebe überführt. Die Abzocke der Energieriesen einzig zugunsten der Profite ihrer Aktionäre verschlimmert das Elend der Ärmsten der Armen zusätzlich, neben all den anderen Nachteilen, welche unsere unsoziale Gesellschaft diesen bedauernswerten Menschen zumutet.

Das Schlimmste für mich daran ist, dass diese skrupellose Abzocke meist ältere Menschen trifft, die, auch wenn sie ihr Leben lang hart gearbeitet haben, von Renten leben müssen, die meist deutlich unter der Lohnpfändungsfreigrenze von zur Zeit 1029,99 Euro bei Ledigen liegen, häufig sogar unter dem Sozialhilfesatz incl. Miete und Mietnebenkosten. Interessant ist, dass die Lohnpfändungsfreigrenze bei Schulden, nach Rechtsprechung aller deutschen Gerichte dazu, den Betrag angibt unter dem die Armut anfängt und sich das Arbeiten nicht mehr lohnt.
Komisch, dass dieser Widerspruch zwischen unserer Rechtsprechung auf der einen und der Diskussion um Mindestlöhne unter zehn Euro auf der anderen Seite kaum jemand auffällt. Jeder, der unter 1029,99 Euro netto in diesem Staat verdient, gilt schon nach unserer Rechtsprechung, so der Umkehrschluss, als ARM!
Da zählt jeder Cent und die skrupellose Erhöhung der Kosten fürs Heizen, für Wärme wenn es kalt ist, einem Grunddaseinsbedürfnis des Menschen übrigens, wie Essen, Trinken und Schlafen, entzieht den Betroffenen auch noch das letzte bisschen an Geborgenheit und Wärme in ihren eigenen, meist sehr bescheidenen, Wohnungen.
Caren Lay, die verbraucherpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE, erklärte am 27.6.11:
„Immer mehr Menschen leiden unter Energie-Armut! Sie können sich keine angemessene Energienutzung mehr leisten. Hunderttausende Privathaushalte sind jährlich wegen Zahlungsunfähigkeit von Stromsperren betroffen – Tendenz steigend. Deshalb brauchen wir einen Schutzschirm für Verbraucherinnen und Verbraucher – und nicht für die Stromkonzerne.“
Quelle: http://www.linksfraktion.de/im-wortlaut/energie-armut-beenden/
Die Internetseite check24.de schrieb zu der gnadenlosen Abzocke, welche in diesem Winter gerade die Ärmsten besonders hart treffen wird, am 31.10.11 unter dem Titel „Gaspreise: 51 Gasanbieter erhöhen im November und Dezember 2011“:
„Damit haben im Jahr 2011 insgesamt 530 Gasanbieter ihre Preise erhöht oder Preiserhöhungen angekündigt. Davon sind rund 13 Millionen Privathaushalte betroffen. Die Preissteigerung liegt bei durchschnittlich elf Prozent (148 Euro). Insgesamt werden in Deutschland laut dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) ungefähr 20,2 Millionen Haushalte mit Gas versorgt.“
Quelle: http://www.check24.de/news/gas/gaspreise-gasanbieter-erhoehen-november-dezember-2011-43257/
Ich kenne persönlich hier bei uns im Ort 7 alte Damen und 4 alte Herren, alle verrentet, alle über 70 Jahre, die tatsächlich im Winter in ihren Wohnungen frieren müssen. Sie haben sehr kleine Renten, knapp oberhalb des Anspruchs auf ergänzende Sozialhilfe und genau das ist ihr Pech!
Sie haben dadurch keinerlei Ansprüche auf staatliche Unterstützung und haben nach Abzug von Miete, Nebenkosten und ENERGIEKOSTEN tatsächlich monatlich bedeutend weniger netto zur Verfügung, als selbst der ohnehin schon zu niedrige Sozialhilfe-/Hartz IV Regelsatz von 364 Euro, von dem selbst der BundesAgentur für Arbeit-Vizepräsident Heinrich Alt am 29.4.11 in der Zeitung der Tagesspiegel sagte:
„Nur Lebenskünstler können von 364 Euro leben“
Quelle des Zitats: http://www.tagesspiegel.de/politik/nur-lebenskuenstler-koennen-von-364-euro-leben/4111018.html
Diese alten Menschen, von denen ich hier schreibe, sitzen wirklich bei höchstens 18° C frierend in ihren Wohnungen, weil sie die Energiekosten nicht mehr aufbringen können. Alte Menschen haben aber, wie jeder sicher auch aus seiner Verwandtschaft weiß, ein höheres Wärmebedürfnis als jüngere Menschen, eine ganz natürliche biologische Folge des Alterungsprozesses.
Als es neulich hier etwas kälter war, traf ich eine der älteren Damen in einem unserer Einkaufszentren. Nein, sie wollte nichts einkaufen, sie wollte sich in der Ladenpassage aufwärmen, wie sie mir schamhaft mit hochrotem Kopf bei einem Kaffee, zu dem ich sie eingeladen hatte, eingestand.
So sieht sie aus, die Realität in diesem Lande und mich machen solche Erlebnisse immer wieder wütend auf eine Politik, die vollkommen unsozial, ich würde sagen asozial ist.
Ich bin schon lange der Meinung, dass nicht die Jungs mit dem Bier im Park die wirklich Asozialen sind, sondern die Ausbeuter und Abzocker in Nadelstreifenanzügen mit Krawatten in den Führungsetagen der deutschen Monopolkonzerne, wie z.B. im Energie- und Bankensektor.
Ich zitiere mal, süffisanterweise, aus den Ursprungszeiten der heutigen CDU, welche momentan unsere Kanzlerin stellt:
Im Ahlener Programm der CDU von 1947 hieß es u.a.:
„Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden.” und weiter

“Durch eine gemeinschaftliche Ordnung soll das deutsche Volk eine Wirtschafts- und Sozialverfassung erhalten, die dem Recht und der Würde des Menschen entspricht, dem geistigen und materiellen Aufbau unseres Volkes dient und den inneren und äußeren Frieden sichert.“

Quelle: http://www.lsg.musin.de/geschichte/Material/Quellen/ahlener_programm_cdu.htm

Und was haben wir heute?

http://www.dieter-carstensen-waldbroel-nrw.homepage.t-online.de/598201.html